Beitrag des BDK Fachverbandes für Kunstpädagogik und der Kunstrates Bayern zur PISA-Initiative der Bayerischen Staatsregierung - BDK INFO 33/2023 15
Das verflixte Zahlenspiel aus dem KM
Zur Problematik der PISA-Offensive Bayern des Kultusministeriums aus der Sicht der künstlerischen Fächer
Franziska Seitz-Vahlensieck, Alexander Glas
Ganzheitliches Lernen, ein Lernen also mit Kopf, Herz und Hand, wie es Pestalozzi bereits vor mehr als 200 Jahren forderte, steht auf dem Spiel. Und zwar dann, wenn bayerische Bildungs-politiker:innen in der PISA-Offensive ankündigen, den ästhetischen Fächern Kunst, Musik, Werken und Gestalten das Wasser abzugraben. In bester Absicht sollten die Fächer Deutsch und Mathematik gestärkt werden, da die Leistungen der Schüler:innen beim Vergleichstest in den Keller rutschten – jedoch lösten die kultusministeriellen Pläne medienwirksame Proteste und ver- bandspolitische Reaktionen aus.
Zur Erinnerung: Im Januar (2024) wurde von der Pressestelle des Kultusministeriums eine für uns Besorgnis erregende Mitteilung veröffentlicht: Künftig sollen die Fächer Deutsch und Mathematik in den Stundentafeln der Grundschule mit mehr Unterrichtsstunden ausgestattet werden. Dabei wird die maximale Wochen- stundenzahl weitgehend beibehalten, in der Jgst. 1 wird sogar um eine Stunde er- höht, in der 4. Jgst. jedoch um eine Stunde gekürzt. Für die Jgst. 1 und 2 sind künftig jeweils 24, für Jgst. 3 und 4 je 28 Stunden vorgesehen.
Was folgte, war ein auf den ersten Blick nur schwer durchschaubares Regelwerk, das die Entscheidung, an welcher Stelle Stunden wegfallen, an die Schulleitungen delegierte, und das verflixte Zahlenspiel begann – doch eines wurde sofort klar: Es musste bei anderen Fächern wie Englisch, dem ästhetischen Fächerverbund und HSU-Anteil im GU gekürzt werden!
Ein Aufschrei der Öffentlichkeit folgte prompt: Eine Online-Petition im Netz ging viral, die sich gegen den Verbund der drei ästhetisch-künstlerischen Fächer und gegen eine Kürzung aussprach. Die Petition erreichte innerhalb kürzester Zeit über 200.000 Unterschriften (218.699 Stand am 05.08.2024). Der Musikrat und die Vertreter der Kunstpädagogik appellierten erneut schriftlich an das Kultusministerium, gerade nicht bei den persönlichkeitsstärkenden Fächern wie Kunst, Musik, sowie Werken und Gestalten zu kürzen.
Ein Beispiel aus Jgst. 4
Betrachten wir die Rechnung am Beispiel der 4. Jgst. etwas genauer: Wenn man 29 Stunden um 1 auf 28 Wochenstunden kürzt, und dabei Deutsch mit einer Stunde mehr in der Stundentafel stärkt, bleiben zwei Stunden weniger für die anderen Unterrichtsfächer. Dass schlussendlich die kreativen Fächer Abstriche machen müs- sen, war die große Befürchtung. In einem appellierenden Schreiben an die Kultusministerin Anna Stolz teilten wir umgehend unsere Bedenken mit und sprachen uns gegen eine Kürzung aus.
Die neue Stundentafel (Abb. s. unten) zur PISA- Offensive vom Februar 2024 bestätigt: Die Fächer Kunst, Musik, Werken und Gestalten in den Jgst. 3 und 4 können durchaus von einer Stundenkürzung betroffen sein. Vier Wochenstunden sind neuerdings festgesetzt – die alte Stundentafel wies hier noch insgesamt 5 Stunden aus. Jede Schule darf nun selbst entscheiden, bei welchem der kreati- ven Fächer des Verbunds sie um eine Wo- chenstunde kürzt oder ob die Flexible Stunde schlussendlich diesen Fächern zugute kommen soll und es bei den ursprünglichen 5 Stunden der alten Stundentafel bleibt. Diese Stunde zur Förderung kann jedoch von allen Fächern gleichermaßen in Anspruch genommen werden und ist keineswegs ein Monopol des ästhetisch-musischen Bereichs!
Das Szenario im Einzelnen
Wenn man nun klug zugunsten der künstlerischen Fächer entscheidet – wohl gemerkt unter Einbeziehung der Flexiblen Stunde – könnte man das Fach Kunst sogar stärken, sofern bei den anderen kreativen Fächern gekürzt wird. Es gibt offensichtlich Grundschulen, die dieses Kunststück bereits vollbringen. So käme man rechnerisch in den Jgst. 3/4 zumindest in Kunst auf eine schon lange geforderte Zweistündigkeit, jedoch auf Kosten von Musik oder Werken und Gestalten! Vor allem die Möglichkeit des epochalen Unterrichts hat heftige Diskussionen ausgelöst. Experten sehen darin die Gefahr einer Auflösung der wöchentlichen und damit entscheidenden Präsenz in den Stundentafeln sowie die fehlende kontinuierliche Förderung. Die Sichtbarkeit in der Stundentafel ist eine bedeutende Tatsache, die dem Fach eine erhöhte Aufmerksamkeit und damit Bedeutung schenkt. Auch in den Köpfen der Schüler:innen würde eine solche Verteilung zu einer ungewollten und zusätzlichen Marginalisierung führen. Seitens des Ministeriums wird argumentiert, dasFach Kunst hätte durch eine epochale Gestaltung des Stundenplans in Jgst. 3 und 4 die Chance auf mehr Unterrichtszeit (Antwortschreiben vom 28.03.2024). Dabei handelt es sich unserer Einschätzung nach um einen Trugschluss. Das Stundenmaß mag zwar halbjährlich auf die gewünschte Zweistündigkeit erhöht sein, auf das gesamte Schuljahr gerechnet bliebe Kunst jedoch weiterhin bei einer Unterrichtsstunde insgesamt.
Chronologie
▶ Am19.Januarveröffentlichtedie Presseabteilung des Kultusministeri- ums den Beschluss zur PISA-Offensi- ve Bayern.
▶ Bereits am 28.01.2024 formulierte der BDK e.V. Bayern und Kunstrat ein gemeinsames Schreiben an die Ministerin für Unterricht und Kultus Anna Stolz, in dem die Stärkung der künstlerischen Fächer gefordert wird. In Kopie geht der Brief an den BLLV, den Bayerischen Elternverband und den Zentralverband des Deutschen Handwerks, insbesondere an die Handwerkskammern der Bayerischen Bezirke. Die neue Stundentafel war zu diesem Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht.
▶ Ein Antwortschreiben des Kultusministeriums erfolgte am 05.02.2024, geht jedoch postalisch erst Ende Februar bei uns ein.
▶ Im Februar veröffentlicht das Staatsministerium für Unterricht und Kultus ein „Factsheet“ zur PISA-Offensive, indem die Fächer Kunst, Musik, Werken und Gestalten als Verbund mit einer Stundenzahl von 4–5 in den Jg. 3/4 festgesetzt werden.
▶ Daraufhin reagierten wiederum die Verbände BDK e.V. Bayern und Kunstrat am 08.03.2024 mit einem erneut appellierenden Schreiben und einemGesprächsangebot an die Ministerin Anna Stolz.
▶ Ein Antwortschreiben auf unser zweites Schreiben folgte am 28.03.2024, eine Einladung zu einem Gespräch jedoch nicht.
▶ Zeitgleicher folgte der Kontakt zur Presse (Merkur, BR, PNP, Spiegel), die darüber berichteten.
▶ Die Grünen luden aus aktuellem Anlass VertreterInnen der Kunst und Kunstvermittlung sowie Musik zu einem „Runden Tisch für Bildung in den Landtag, an dem die Hochschulreferentin des BDKe.V. teilnimmt.
▶ Mitte März fand ein Treffen mit den Mitgliedern des Forums Bildungspolitik statt. Man beschloss eine gemeinsame Presseerklärung heraus zu geben.
▶ Auch der Bundesverband des BDK e.V. reagierte unterstützend mit einem Schreiben an die Ministerin Anna Stolz am 13.03.2024.
▶ Die Antwort des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus erfolgte am 29.05.2024 und ging postalisch beim Bundes BDK e.V. am 04.06.2024 ein. Darin wird das erste Mal von einer gesicherten Unterrichtsstunde für Kunst in der Stundentafel geschrieben.
▶ Am 30. Mai erfolgte ein weiteres Schreiben an den Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder in Form eines Offenen Briefes von BDK. e.V. Bayern, Kunstrat und Arbeitskreis Kunstpädagogik an bayerischen Hochschulen AKKaBH. Aktuell steht ein Antwortschreiben noch aus.
▶ Am 07.06.2024 fand ein Runder Tisch mit Vertretern der Kulturellen Bildung in der Akademie der Bildenden Künste statt. EinweiteresTreffen zum Austausch und zur Planung eines gemeinsamen fachpolitischen Vorgehens ist für Beginn des kommenden Schuljahres geplant.
Zur alles entscheidenden Frage, ob Kunst auch unter der Maßgabe von einer Stunde unterrichtet werden darf, gibt lediglich eine Aussage in dem Antwortschreiben des Kultusministeriums an den Bundesvorstand des BDK e.V. Auskunft (Schreiben vom 29.05.2024). Demnach muss „[...] das bisher geltende Stundenmaß (1 Wochenstunde in der Jgst. 3 und 4) auch künftig beibehalten [...]“ werden.
Der Hinweis dazu stand jedoch zuvor in keinem der an den BDK e.V. Bayern gerichteten Schreiben. Das im Mai online veröffentlichte FAQs zur Pisa-Offensive des Kultusministeriums bestätigt dieses Aussage jedoch. Darin heißt es auf die Frage „Welche Auswirkungen hat die Flexibilisierung der Stundentafel auf die Zeugnisse?“: „Grundsätzlich gilt: Jedes Fach der Stundentafel wird jahrgangsstufenbezogen mit mindestens einer Wochenstunde unterrichtet.“ Dass Kunst nun nicht Gefahr läuft unter die Marke einer Wochenstunde zu fallen, ist für uns ein erster kleiner Erfolg – doch nicht genug: Die mögliche Kürzung für Werken und Gestalten schmerzt weiterhin sehr. Gerade eine ausreichende Schulung handwerklicher und feinmotorischer Fähigkeiten unserer Kinder halten wir im Grundschulalter für äußerst wichtig, demnach darf hier unter keinen Umständen gekürzt werden!
Die Festlegung eines verbindlichen Stundenmaßes ist für die ästhetisch-kreativen Fächer von entscheidender Bedeutung. Ein fehlendes festes Stundenkontingent ist der nächste Schritt in Richtung einer weiteren Marginalisierung der künstlerisch- kulturellen Bildung und einer zunehmen- den Dysbalance von Kopf, Herz und Hand im Sinne ganzheitlichen Lernens! Die Empfehlung der Kultusministerkonferenz sollte daher unbedingt beim Wort genommen werden (siehe unten).
Darum fordern wir, die kulturelle Bildung nicht mit weniger, sondern mit mehr Stunden in der Stundentafel der bayerischen Grundschule zu fördern!
Die Bilanz: Was bisher geschah
Zahlreiche Aktivitäten wie Protestschreiben, Eingaben, Petitionen, Pressemitteilungen sind die positive Bilanz der letzten Monate. Erfreulich ist, dass die PISA-Offensive eine Welle des Protestes in der Öffentlichkeit auslöste und eine breite Unterstützung unseres Anliegens zu verzeichnen war. Die Bedeutung ästhetischen Lernens steht außer Zweifel, muss jedoch immer wieder nach außen hin kommuniziert werden. Die bekannten Tageszeitungen einschließlich des BR berichteten darüber. Viele prominente Persönlichkeiten, vor allem aus dem Bereich der Musik, meldeten sich mit eigenen Statements zu Wort. Positiv ist auch die Tatsache, dass die Verbände BDK e.V. und Kunstrat,
das Forum Bildungspolitik sowie der Arbeitskreis für Kunstpädagogik an bayerischen Hochschulen schnell mit teils gemeinsamen Stellungnahmen sowie einer Pressemitteilung reagierten. Auch die Musik, vertreten durch den Musikrat und des Arbeitskreises an bayerischen Hochschulen konnte in die Aktivitäten miteinbezogen werden.
In allen Schreiben wurde in vielfältiger Weise auf den Bildungs- und Erziehungsauftrag sowie die gesellschaftliche Verantwortung, welche die künstlerischen Fächer haben, hingewiesen. Ernüchternd muss man leider feststellen, dass auch mit einer breit angelegten, wissenschaftlichen Argu- mentation ein fundierter Austausch mit den Entscheidungsträgern aus der Politik nicht in die Gänge kam. Offensichtlich wurde auch im Vorfeld des Beschlusses eine fachliche Expertise durch die Fachverbände nicht eingeholt. So lässt sich immerhin bilanzieren, dass eine breite Öffentlichkeit auf die Problematik der künstlerischen Fächer aufmerksam wurde und ein unerwartet großer Zuspruch sich einstellte. Das gibt zumindest ein wenig Hoffnung für weitere Aktivitäten.
Leider wurden wir bis heute trotz mehrfacher Anfragen von unserer Seite zu keinem Gesprächs-termin eingeladen. Wir fordern, dass der Empfehlung der Kultusministerkonferenz zur Kulturellen Kinder- und Jugendbildung Folge geleistet wird. Wir fordern die Stärkung der ästhetischen Fächer und eine ausreichende kulturelle Förderung an bayerischen Schulen, für ein ganzheitliches Lernen mit Kopf, Herz und Hand. Dafür werden wir uns vom BDK e.V. Bayern und vom Kunstrat auch weiterhin einsetzen!
Quelle: BDK INFO 33/2023 17
FRANZISKA SEITZ-VAHLENSIECK
(BDK e.V. BAYERN Landesvorsitzende),
ALEXANDER GLAS
(Pro. Dr. em. Universität Passau, Sprecher des Kunstrates Bayern)
„Die fachliche Basis der Kulturellen Bildung in der Schule wird insbesondere in den künstlerischen Kernfächern Musik, Kunst sowie Theater gelegt. Bei der Planung der Stundentafeln sollte stets darauf geachtet werden, dass das Unterrichtsangebot
in diesen Fächern unbedingt sichergestellt bleibt und ggf. ausgebaut wird.“
Kultusministerkonferenz zur Kulturellen Kinder- und Jugendbildung/ Beschluss vom 01.02.2007 i. d. F. vom 08.12.2022